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„Mitteldeutschland unterm Hakenkreuz“: Wer war der Torgauer Hobbyfilmer?

Es sind private Bilder vom Alltag in Torgau während der NS-Zeit. Gedreht von Amateurfilmern, über die meist wenig bekannt ist. Doch es gibt Ausnahmen.

Eine Feier im kleinen Familienkreis. Das Auszugsfest der Torgauer Geharnischten. Oder rudernde junge Frauen vor der Elbbrücke: Hobbyfilmer haben in der NS-Zeit und während des Zweiten Weltkrieges privat auch Bilder vom Alltag in Torgau mit der Schmalfilmkamera festgehalten.

MDR-Doku „Mitteldeutschland unterm Hakenkreuz“

Heute sind die tonlosen 8- oder 16-Millimeter-Schmalfilme – in Schwarzweiß oder Farbe – wichtige zeithistorische Dokumente. Denn im Unterschied zu den Propagandabildern der „Deutschen Wochenschau“ oder offiziellen NS-Kulturfilmen fürs Kino geben die Hobbyfilme Einblicke in den nationalsozialistischen Alltag. Mehr noch: Sie zeigen ein vermeintlich ‚privates’ Bild des „Dritten Reichs“. Dabei ist die Politik in den Aufnahmen der Amateurfilmer allgegenwärtig.

Das bestätigen auch die Bilder, die der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) in seiner zweiteiligen, 90-minütigen Dokumentation „Mitteldeutschland unterm Hakenkreuz“ (2017) verwendet. Im Vorfeld werden dafür sechs Stunden Ausgangsmaterial gesichtet. Darunter sind auch Filmaufnahmen, die in Torgau entstanden sind – und den Alltag in der sächsischen Stadt während der NS-Zeit zeigen.

Wer war der Torgauer Amateurfilmer?

Einer der Torgauer Hobbyfilmer ist der promovierte Wissenschaftler August Wetthauer (1887–1964). Der Optik-Spezialist arbeitet von 1912 bis 1945 mit Unterbrechungen an der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt (PTR) in Berlin (später: Weida/Thüringen). Die Behörde gilt national wie international als wichtige Institution der Mess- und physikalischen Forschung.

Dort leitet der in Hannover geborene Wetthauer das sogenannte „Laboratorium für angewandte Optik“, das seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 zunehmend für die Deutsche Wehrmacht bzw. die Deutsche Luftwaffe arbeitet. Sein PTR-Labor forscht beispielsweise zu Glasscheiben für Pilotenzellen in Flugzeugen oder technisch verbesserten Fliegerbrillen.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 wird die PTR wie alle wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Einrichtungen verstärkt für Kriegszwecke eingesetzt. Jetzt soll der Wissenschaftler Nachtsichtgeräte entwickeln, die den „Feind“ in der Dunkelheit aufspüren.

„Fahnenschmuck in Berlin“

Dagegen interessiert sich Wetthauer in seiner Freizeit für den Schmalfilm im 16-Millimeter-Format, der für das Amateur- bzw. Hobbyfilmen verwendet wird. In den 1930er- und 1940er-Jahren filmt er mit seiner Kamera oft privat, zum Beispiel Sehenswürdigkeiten in Berlin oder Paris.

Mitte der 1930er-Jahre entwickeln die Firmen Eastman Kodak und Agfa den 16-mm-Farbfilm, den auch Wetthauer mit seiner Kamera nutzt. Ein Beispiel ist sein farbiger Amateurfilm „Fahnenschmuck in Berlin anlässlich des Mussolini-Besuchs am 28. September 1937“.

Der stumme 16-mm-Schmalfilm in einer Länge von nur wenigen Minuten zeigt die mit unzähligen Hakenkreuzfahnen beflaggte Reichshauptstadt in den Tagen, als sich der faschistische Diktator Benito Mussolini (1883–1945) vom 25. bis 29. September 1937 in Deutschland aufhält.

Hobbyfilme in Torgau gedreht

Doch Wetthauer hält auch Torgau mit seiner Schmalfilmkamera fest. Der Grund: Seine Frau Helene Güther, die er im Sommer 1942 heiratet, ist in der sächsischen Kleinstadt geboren. Zudem erblickt am 23. Juni 1943 seine Tochter Ingrid in Torgau das Licht der Welt. Sie lebt heute mit ihrem Mann in Baden-Württemberg.

Torgau vor 1945: Elbbrücke (l.) und Schloss Hartenfels / Quelle: Privat
Torgau vor 1945: Elbbrücke (l.) und Schloss Hartenfels / Quelle: Privat

Aber Anfang der 1940er-Jahre ist Torgau, die Stadt an der Elbe, für die kleine Familie Wetthauer der Lebensmittelpunkt.

Die stummen Schmalfilme enthalten vor allem private Wohnzimmeraufnahmen fürs filmische Familienalbum: Eine Feier im Kreis der Verwandten mit Likör und Knabbergebäck. Oder ein Heiligabend, an dem der Weihnachtsmann mit Mantel, Brille und angeklebtem Bart die Geschenke für Tochter Ingrid bringt.

Über 85 Jahre alte Filmaufnahmen

Wetthauer filmt aber auch auf den Straßen der Stadt. Dabei nimmt er Bilder von einem Ort in Torgau auf, den eigentlich fast jeder kennt, aber vielleicht so nicht mehr wiedererkennen würde: die Ritterstraße 10. Heute befinden sich in dem denkmalgeschützten sanierten Barockpalais die Stadtbibliothek Torgau, das Stadtarchiv Torgau sowie Standesamt und Trauzimmer der Stadtverwaltung Torgau.

Ritterstraße 10: Diese Seitenansicht bietet das Gebäude in den 1930er-Jahren nicht / © Ron Schlesinger
Ritterstraße 10: Diese Seitenansicht bietet das Gebäude in den 1930er-Jahren nicht / © Ron Schlesinger

Ritterstraße 10: Heute fehlt an der Rückfassade der Balkon im ersten Obergeschoss. Auf dem Filmmaterial ist dieser aber gut zu erkennen / © Ron Schlesinger
Ritterstraße 10: Heute fehlt an der Rückfassade der Balkon im ersten Obergeschoss. Auf dem Filmmaterial ist dieser aber gut zu erkennen / © Ron Schlesinger

Die über 85 Jahre alten Filmaufnahmen zeigen die Ritterstraße 10 am Ende der 1930er. Das Haus gehört damals der Schwiegermutter von August Wetthauer: Auguste Güther. Sie ist die Geschäftsinhaberin der Firma „Speditionen – Möbeltransporte – Kohlenhandlung“, die zuvor Eduard Schröter gehörte. Das Unternehmen, das im Erdgeschoss der Ritterstraße 10 seine Büroräume hat, wurde bereits 1895 gegründet und später von Auguste Güthers verstorbenem Ehemann, Leo Güther, gekauft. Im Geschäftsdeutsch heißt Auguste allerdings nur: Leo Güthers Witwe.
Werbeanzeige / Quelle: Adressbuch 1939 für den Kreis Torgau
Werbeanzeige / Quelle: Adressbuch 1939 für den Kreis Torgau

In den Schwarz-weiß-Filmszenen sind die Vorderfront der Ritterstraße 10, die ehemalige Tordurchfahrt (mit schmiedeeisernem Hoftor) und der große Hinterhof mit viel Nebengelass zu sehen.

Pferde in der Stadtbibliothek Torgau

Die Firma besitzt damals sowohl kleinere Lkw als auch Fuhrwerke mit Pferden, die Kohlen anliefern. So zeigt das Filmmaterial Arbeiter, die Brennstoffe von Ladeflächen in ein überdachtes Zwischenlager schippen. Die Pferdeställe befinden sich am heutigen hofseitigen Eingang zur Bibliothek. Die Tordurchfahrt sowie ein links stehendes schmales Gebäude, das an die Pfarrstraße grenzt, gibt es heute nicht mehr. Nur die zwei Torpfeiler haben die Zeiten überlebt.

Ritterstraße 10: Im Innenhof befinden sich in den 1930er-Jahren einige Pferdeställe / © Ron Schlesinger
Ritterstraße 10: Im Innenhof befinden sich in den 1930er-Jahren einige Pferdeställe / © Ron Schlesinger

Ritterstraße 10: Die überdachte Tordurchfahrt existiert nicht mehr / © Ron Schlesinger
Ritterstraße 10: Die überdachte Tordurchfahrt existiert nicht mehr / © Ron Schlesinger

Filmaufnahmen zeigen zudem einen Lkw, der aus der Pfarrstraße kommend links in die Ritterstraße abbiegt und an eben diesem Tor parkt. Dabei ist im Hintergrund das Gebäude der heutigen Superintendentur (Wintergrüne 2) zu erkennen. Ein anderer Lkw biegt aus der Tordurchfahrt Ritterstraße 10 kommend links ab. Die Kamera blickt in Richtung Bäckerstraße in der sich weit hinten im Haus Nr. 22 das Lokal „Zum Ersten Kulmbacher“ befindet.

Hakenkreuz bei Ruderveranstaltung

Dass die Politik auch in Wetthauers Amateurfilmen allgegenwärtig ist, machen die Aufnahmen deutlich, die er von seiner Nichte Karin Hesse (geborene Bollmann) macht. Die heute 94-Jährige, die in Niedersachsen lebt, ist damals ein junges Mädchen, das gern im Verein rudert. August Wetthauer filmt sie mit ihren Freundinnen beim Rudern auf der Elbe.

Es ist offenbar eine Sportveranstaltung, die am Elbufer zwischen der Eisenbahn- und der Straßenbrücke stattfindet – und an der auch der noch heute existierende Torgauer Ruderverein e. V. teilnimmt. Im Bootshaus, am Fürstenweg 15 (heute: Pestalozziweg), ist der Vereinssitz.

Elbufer in Torgau: Die 1993 eingeweihte neue Elbbrücke (Straßenbrücke) ist im Hintergrund zu sehen / © Ron Schlesinger
Elbufer in Torgau: Die 1993 eingeweihte neue Elbbrücke (Straßenbrücke) ist im Hintergrund zu sehen / © Ron Schlesinger

Elbufer in Torgau: Die neue Eisenbahnbrücke (links) wird 1997 fertiggestellt / © Ron Schlesinger
Elbufer in Torgau: Die neue Eisenbahnbrücke (links) wird 1997 fertiggestellt / © Ron Schlesinger

Sämtliche Sportvereine im „Dritten Reich“, auch der Torgauer Ruderverein, sind damals beim Deutschen Reichsbund für Leibesübungen (DRL) organisiert. Die Vereine werden bereits 1933 gleichgeschaltet und verlieren ihre Eigenständigkeit.

Ab Dezember 1938 wird die Dachorganisation in Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen (NDRL) umbenannt – und direkt der NSDAP unterstellt. So wundert es nicht, dass Wetthauers Kamera neben den Ruderinnen auch einen jungen Mann in Uniform mit Hakenkreuz-Armbinde beiläufig filmt. Sport ist jetzt Parteisache.

August Wetthauer geht in den Westen

Wetthauer, der nie der NSDAP beigetreten ist, und auch deshalb den Nazis immer ein wenig suspekt bleibt, befindet sich bei Kriegsende im thüringischen Weida. Dorthin wird bereits 1943 das PTR-Labor verlegt, in dem er bis zuletzt arbeitet. Frau und Tochter leben zu dieser Zeit noch in Torgau.

Als US-amerikanische Truppen Weida befreien, aber wenige Wochen später wieder abziehen, weil Thüringen sowjetische Besatzungszone wird, weiß er nicht, wie es beruflich mit ihm weitergeht. Sein PTR-Labor wird demontiert, um in Moskau wieder aufgebaut zu werden.

Aufgrund seiner kritischen Einstellung zum NS-Regime gilt er aber als unbelastet und wird von West und Ost umworben. Letztlich geht er aber 1950 mit Frau Helene und Tochter Ingrid nach Braunschweig, dann 1954 nach Freiburg im Breisgau und lehrt an der dortigen Albert-Ludwigs-Universität.

Bis zu seinem Tod im Jahr 1964 nimmt August Wetthauer zweimal an Tagungen der Physikalischen Gesellschaft der DDR teil und besucht zudem noch häufig Verwandte in Torgau – die Stadt, in der er den Alltag in Mitteldeutschland während der NS-Zeit festgehalten hat.

Besonderer Dank an Frau Ingrid Göwert bei der Unterstützung während der Recherche.

Dieser Artikel wurde am 4. Juli 2022 aktualisiert.

Verwendete Quellen:


Headerfoto: Original-Titel „Erste Nationale Maifeier Torgau 1933“: Die Nationalsozialisten machen den „Tag der Arbeit“ offiziell zum Feiertag. Es ist ein erster Schritt, um die Arbeiter vom neuen Regime zu überzeugen. Auch auf dem Torgauer Marktplatz sammelt sich die Bevölkerung / Quelle: Photo-Lüdecke/Torgau/Privat

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