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Neues Lichtspielhaus/Filmbühne

Filmbühne Torgau im April 2022 / Foto: Ron Schlesinger

Im „Dritten Reich“ wird das Kino zum Ort der Propaganda. Hier kann das NS-Regime auch mittels einer besonderen „Licht- und Stimmungsarchitektur“ (Leonhard u. a. 2001, S. 1156) die Bevölkerung für seine Ideologie einspannen. Doch Torgau hat Anfang/Mitte der 1930er-Jahre kein repräsentatives Kino zu bieten. Das „Metropol-Theater“ und die „Schützenhaus-Lichtspiele“, letztere ohnehin nicht mehr als eine Zwischenlösung, kommen für „das neue Gesicht des deutschen Filmschaffens äußerlich“ (Hoffmann 1985, S. 193) keineswegs infrage.

Deshalb erhält die Kreisstadt mit ihren gut 16.000 Einwohnerinnen und Einwohnern (Stand: 1939) einen Kinoneubau am Friedrichplatz 11 a – zwischen der „Herberge zur Heimat“ („Lutherhaus“, Nr. 11) und der Stadt- und Kreissparkasse Torgau (Nr. 12). Bauherr ist Heinrich Homann, Eigentümer der „Schützenhaus-Lichtspiele“ und des „Metropol-Theaters“, der nebenan (Friedrichplatz 12 a) wohnt.

Neues Lichtspielhaus eröffnet 1939

Homann kann Max Schnabel (1903–1986) als Architekten gewinnen, der seit 1931 als Freiberufler in Leipzig arbeitet. Schnabel hatte zuvor an der Sächsischen Staatsbauschule Leipzig sowie an der Technischen Hochschule in Dresden studiert.

Das „Theater am Friedrichplatz“, später „Neues Lichtspielhaus“, bietet 530 Sitzplätze sowie eine geschwungene Bühne für Kleinkunstdarbietungen, die mit farbigem Licht angestrahlt werden kann. Nach Recherchen von Carola Zeh vom Landesamt für Denkmalpflege Sachsen ist die damalige Raumausstattung in warmen Tönen gehalten; die Polstersessel sind mit rotem Kordstoff überzogen.

Die Eröffnung findet laut der Film-Tageszeitung „Film-Kurier“ am 21. Oktober 1939 statt. Gezeigt wird am Anfang ein Kulturfilm des NS-Schriftstellers und -Filmhistorikers Walter Steinhauer. Andere Quellen geben an, dass am Tag der Einweihung auch das Ufa-Melodram „Es war eine rauschende Ballnacht“ läuft. Der Film erzählt über den russischen Komponisten Peter Iljitsch Tschaikowsky. Hans Stüwe, Zarah Leander und Marika Rökk spielen die Hauptrollen.

Neues Lichtspielhaus heißt jetzt Filmbühne

Nach 1945 wird der private Kinobesitzer Heinrich Homann enteignet, das „Neue Lichtspielhaus“ verstaatlicht. Die später umbenannte „Filmbühne“ ist wie alle Kinos in der DDR erst in „Kreislichtspielbetrieben“ (ab 1.1.1953), später in „Bezirkslichtspielbetrieben“ (seit 1.1.1963) zusammengefasst und ab 1973 der Bezirksfilmdirektion Leipzig unterstellt. Sie entscheidet über Spielpläne, Investitionen oder Rekonstruktion von Kinos – auch für die „Filmbühne“.

Filmbühne Torgau (Rückseite/Kinosaal) im Mai 2022 / Foto: Ron Schlesinger

So wird das Kino Anfang der 1960er-Jahre auf das neue Breitbildformat „Totalvision“ umgestellt und erhält zudem eine neue Tontechnik. Die der Bezirksfilmdirektion Leipzig unterstellte Kreisfilmstelle Torgau ist dagegen u. a. für die Organisation von Veranstaltungen für Schulklassen oder Arbeitskollektive zuständig.

Nach 1990 droht die Schließung

Nach der Wende übernimmt die Leipziger Filmtheaterbetriebe GmbH die „Filmbühne“ und verpachtet das Kino an private Betreiber. Doch das Ende des Innenstadtkinos scheint plötzlich besiegelt, als die Leipziger im Jahr 1996 entscheiden, ein neues zu bauen: im Prima-Einkaufs-Park (PEP), einem Einkaufscenter am Rande der Stadt.

Filmbühne Torgau (Rückseite/Hintereingang) im Mai 2022 / Foto: Ron Schlesinger

Ende 1997 soll das BOFIMAX mit sechs Sälen eröffnet werden. Gesamtkapazität: 1.350 bis 1.500 Sitzplätze. Doch das Projekt scheitert. Wie auch im Jahr 2003 die Pläne für den Bau eines Mehrsaalkinos im Gewerbegebiet an der Eilenburger Straße. Zu dieser Zeit ist die „Filmbühne“ für über ein Jahr aus technischen Gründen geschlossen.

Torgauer Premiere von „NVA“ in der Filmbühne

Anfang 2004 unterschreibt der Investor Christoph Scheungraber mit dem neuen Eigentümer, der damaligen Kreissparkasse Torgau-Oschatz, einen Pachtvertrag für die „Filmbühne“. Im Frühjahr 2004 läuft der Spielbetrieb nach gut einjähriger Pause wieder an.

Mehr noch: Nach der offiziellen Premiere der DDR-Filmkomödie „NVA“ – am 29. September 2005 im Berliner Kino „International“ – wird am 2. Oktober auch in der Torgauer „Filmbühne“ der rote Teppich für das Filmteam um Regisseur Leander Haußmann ausgerollt. Ein Grund: Die Dreharbeiten hatten 2004 ganz in der Nähe in der ehemaligen Heide-Kaserne in Bad Düben stattgefunden.

2012 schließt Christoph Scheungraber die „Filmbühne“ aus technischen (Digitalisierung der Filmprojektion) und finanziellen (ausstehende Fördergelder) Gründen. Seitdem hat das Kino nicht wieder geöffnet. Das Gebäude steht seit einigen Jahren zum Verkauf.

Adresse: Filmbühne, Friedrichplatz 11 a, 04860 Torgau

Hinweis: Das Landesamt für Denkmalpflege Sachsen hat das Gebäude im Jahr 1992 in die Liste Kulturdenkmale im Freistaat Sachsen aufgenommen.

Diese Seite wurde am 29. Juli 2022 aktualisiert.

Verwendete Quellen:

Adressbuch 1939 für den Kreis Torgau umfassend die Städte Torgau, Belgern, Dommitzsch, Prettin, Schildau, Gemeinde Annaburg und sämtliche Landgemeinden des Kreises. Bearbeitung, Druck und Verlag: Hoffmann & Schreyer, Torgau, Fürstenweg 11 (Stand: Januar 1939).

Braune, Marcel: „Das Kino bräuchte einen Scheich“. In: Torgauer Zeitung (vom 11.8.2012, abgerufen: 25.5.2022)

Bundesarchiv: Zentrale Deutsche Kommission für Sequestrierung und Beschlagnahme (1945–1957). Sequestrierung und Enteignung von Vermögen. Anteilsenteignungen: DO 3/1279, Bd. 14. Lichtspieltheater Torgauer Filmbühne (Eigentümer: Heinrich Homann).

C. R.: Neu- und Umbauten. Theater am Friedrichplatz in Torgau. In: Film-Kurier 21 (1939), Nr. 267, 15.11.1939, Ausgabe: T, S. 4.

Filmbühne Torgau. Friedrichplatz 11 a, 04860 Torgau (Stand: 2012, abgerufen: 22.5.2022)

Hoffmann, Kay: Buchrezension. Anne Paech: Kino zwischen Stadt und Land. Geschichte des Kinos in der Provinz. Osnabrück/Marburg, 1985.

Landesamt für Denkmalpflege Sachsen: Kulturdenkmale im Freistaat Sachsen. Denkmaldokument Filmbühne (vom 27.5.2022)

Lehmann, Frank: Comeback für Filmbühne. In: Torgauer Zeitung (vom 17.2.2004, abgerufen: 24.5.2022)

Leonhard, Joachim-Felix/Ludwig, Hans-Werner/Schwarze, Dietrich/Straßner, Erich (Hrsg.): Medienwissenschaft. Ein Handbuch zur Entwicklung der Medien und Kommunikationsformen. 2. Teilband. Berlin/New York, 2001.

Mahler, Caroline: Was halten Sie vom Mehrsaalkino? In: Torgauer Zeitung (vom 28.1.2003, abgerufen: 24.5.2022)

Schenk, Ralf: Kino in der DDR. Eine kurze Geschichte des ostdeutschen Lichtspielwesens 1945–1990. In: Filmportal (abgerufen: 24.5.2022)

Schlesinger, Ron: BOFIMAX wird Ende 1997 eröffnet. Neues Kinocenter entsteht im PEP/Interview mit Geschäftsführer der Filmtheaterbetriebe. Unveröffentlichte Seminararbeit „Interview (Print)“. Universität Leipzig. Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft. Allgemeine und Spezielle Journalistik (erstellt: 20.6.1996).

Schnabel, Max: 1903–1986. Maler Grafiker, Architekt. In: Deutsches Kunstarchiv im Germanischen Nationalmuseum (abgerufen: 24.5.2022)

Zeh, Carola: Torgau, Filmbühne. In: Lichtspieltheater in Sachsen – Entwicklung, Dokumentation und Bestandsanalyse. Hamburg, 2007, S. 374f.

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