In der einstigen Garnison- und Beamtenstadt werden lange Zeit anstelle von Fabriken lieber neue Kasernen gebaut. Das Stahlwerk Torgau ist eine der frühen Ausnahmen, wie ein Ufa-Kulturfilm zeigt.
Als das sächsische Torgau nach dem Wiener Kongress 1814/15 preußisch wird (weil sich Sachsen mit dem Verlierer Napoleon eingelassen hatte), verliert die Stadt den Anschluss an die beginnende Industrialisierung. Denn statt in neue Fabriken wird massiv in militärische Anlagen wie Kasernen und Festungsgebäude investiert (vgl. Linkner 1980). Torgau rutscht auf das Niveau einer behäbigen Garnison- und Beamtenstadt ab.
Erst zum Ende des 19. Jahrhunderts, als die „Festung Torgau“ ihre strategische Bedeutung verliert, siedelt sich in und um die Stadt zögerlich Industrie an: Dazu gehört die 1878 in Luckenwalde gegründete Landmaschinenbaufirma Stoll, die ihren Standort 1906 nach Torgau verlegt, oder die Marmeladenfabrik Leue & Weise, deren Gebäude mit markanter gelber Klinkerfassade direkt am Torgauer Hafen entsteht.
Stahlwerk Torgau: erst Granaten, dann Friedensglocken
Aus jener Marmeladenfabrik geht 1910 die Torgauer Stahlwerk AG hervor, die 1917/18 die Linke-Hofmann Lauchhammer AG übernimmt (vgl. 200 Jahre Lauchhammer 1725–1925, S. 90) und dort u. a. Rüstungsgüter herstellt. Doch die militärische Niederlage des Deutschen Reichs im Ersten Weltkrieg wirkt sich auch in Torgau aus. So muss z. B. eine Granatenpresserei demontiert werden.


Eine andere Betriebsabteilung, die indes friedlichem Zwecke dient, darf weitermachen: eine ab 1919 eingerichtete Gießerei, die sich auf Kirchenglocken aus Stahl (und nicht auf Bronze) spezialisiert hat. Damals eine Innovation. „Mehrere hundert solcher Glocken“ sollen im Torgauer Werk hergestellt worden sein (vgl. ebd. S. 97f.) – „mit teilweise gewaltigen Ausmaßen […]. Glockengewichte von 3t und mehr waren keine Seltenheit“ (vgl. Kunstgussmuseum Lauchhammer).
Ein modernes Hüttenwerk (1922) – ein Ufa-Kulturfilm
Obgleich das Werk 1925/26 stillgelegt wird, hat es die Gießerei einige Jahre zuvor in einen frühen Kulturfilm (Dokumentarfilm) geschafft. Den dreht keine geringere als die Kulturabteilung der Universum Film-AG, kurz: Ufa, mit dem Titel „Ein modernes Hüttenwerk“. In dem eineinviertel-stündigen Stummfilm fürs Kino werden die Werke der Linke-Hofmann AG in Riesa, Gröditz, Lauchhammer – und eben Torgau vorgestellt.


Regie führt Ulrich Kayser (1898–1977), der seit 1920 in der Ufa-Kulturabteilung arbeitet und zuvor ein ähnliches Thema bearbeitet („Edelstahl“, 1922) hat. Filmt er hier die Stahlherstellung der Düsseldorfer Böhler-Werke, so steht in „Hüttenwerk“ das Linke-Hofmann-Imperium aus der Lausitz im Mittelpunkt, an dem man Anfang des 20. Jahrhunderts nicht vorbeikommt.
Auch der Filmstab liest sich wie das Who’s who des frühen deutschen Kulturfilms mit Kameramann Max Brinck (u. a. „Wege zu Kraft und Schönheit“, 1925) und Zwischentitel-Zeichner Svend Noldan, der allerdings später die Nationalsozialisten hofiert und sich als Trickfilmer oder Regisseur an Propagandafilmen beteiligt („Feldzug in Polen“, 1940; „Der ewige Jude“, 1940; „Sieg im Westen“, 1941).
Filmszenen aus Riesa, Gröditz, Lauchhammer, Torgau
„Ein modernes Hüttenwerk“ durchziehen dagegen (noch) friedliche Bilder und Töne, wenn das Publikum im ersten Teil erfährt, wie im Werk Riesa ein Stahlblock entsteht, um später zu Ölbehältern und Schiffsteilen weiterverarbeitet zu werden, oder den „Werdegang eines Stahlrohres“ zu Gas- und Wasserrohren mitverfolgt. Im zweiten Teil ist im Eisenwerk Gröditz zu sehen, „[w]ie Eisenbahnräder und ihre Achsen entstehen“ (vgl. Zulassungskarte, 12.10.1926).

Der dritte Teil ist zwar noch in der Bronzegießerei Lauchhammer gedreht, doch jene hat für Torgau bereits Bedeutung: Denn in dem Werk, das als Wiege der späteren Linke-Hofmann AG gilt, gießen kunstfertige Männer auch Stücke für die Garnisonstadt, z. B. 1812 drei Königlich-Sächsische Kronen fürs Festungstor, 1912 die „Friedrich-der-Große“-Statue für den Friedrichplatz sowie 1920 eine Bronzeglocke (vgl. Lauchhammer Bildguss 1929, S. 292, 305, 307).

Zudem fertigt Lauchhammer eine Bronzetafel für ein Wohnhaus an, in dem der preußische Generalfeldmarschall und spätere NS-Sympathisant August von Mackensen (1849–1945) während seiner Schulzeit in Torgau wohnte („In Torgau erwachte sein Soldatengeist“, vgl. ebd. S. 279).
Torgauer Kirchenglocken läuten immer noch
Der vierte und letzte Teil von „Ein modernes Hüttenwerk“ ist dann der Torgauer Stahlgießerei am Hafen vorbehalten. Das Publikum erfährt z. B. über das Zusammenspiel von Kern und Mantel der Glocke, wie der Stahl zwischen beiden gegossen wird, nach 24 Stunden in der Form erstarrt und „mittels Preßluft-Meißeln geputzt“ wird (vgl. Zulassungskarte, 12.10.1926).
Doch das lässt sich bislang nur von der damaligen fünfseitigen Zulassungskarte der Filmprüfstelle Berlin ablesen, die sich im Bundesarchiv erhalten hat. Zwar ist dort der erste und zweite Teil des Kulturfilms auf Filmrollen archiviert (Riesa, Gröditz), doch der kunstgeschichtlich interessantere Teil (Lauchhammer, Torgau) fehlt.
Überdies überrascht, dass der Kulturfilm erst 1926 – also vier Jahre nach seiner Entstehung 1922 – zur öffentlichen Vorführung im Kino zugelassen wird. Denn im November des Jahres gibt es die Linke-Hofmann Lauchhammer AG unter diesem Namen gar nicht mehr. Sie wird in Mitteldeutsche Stahlwerke AG (kurz: Mittelstahl) umbenannt und hat ihren Sitz in Riesa.
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Die Torgauer Kirchenglocken (aus Stahl) haben indes die Zeiten überdauert, wenn sie – nach über hundert Jahren – in Sitzenroda oder Dautzschen immer noch läuten und den Ruf Torgaus als einstmals innovativen Industriestandort ein Stück weit prägen.
Film: „Ein modernes Hüttenwerk“ (1922/26, Regie: Ulrich Kayser, D). Der Film ist im Bundesarchiv nur fragmentarisch überliefert, d. h. von 2.042 Metern Filmlänge sind nur 1.111 Meter archiviert.
- 1. Teil: Der Guß eines Stahlblocks und seine Verarbeitung zum Fertigprodukt [Werke Riesa]
- 2. Teil: Wie Eisenbahnräder und ihre Achsen entstehen [Eisenwerk Gröditz]
- 3. Teil: Die Kunst des Bronzegusses [Bronzegießerei Lauchhammer]
- 4. Teil: Der Glockenguß [Stahlwerk Torgau]
Verwendete Literatur:
- 200 Jahre Lauchhammer 1725–1925. Hrsg. Von Linke-Hofmann Lauchhammer AG (Festschrift unter Mitwirkung von Otto Henkel, Dresden, und Steinhäusser, München)
- Kunstgussmuseum Lauchhammer: Glockenguss (abgerufen: 30.4.2026)
- Lauchhammer Bildguss. Hrsg. Mitteldeutsche Stahlwerke, Aktiengesellschaft, Lauchhammerwerk. Lauchhammer, 1929
- Linkner, Ulrich: Einführung. In: Torgau. Mit Fotos von Charlotte und W. Gerhard Heyde und einer Einführung von Ulrich Linkner. Leipzig: VEB F. A. Brockhaus Verlag, 1980, S. 9–23.
- Torgauer Stahlwerk AG, Torgau (1910). In: BArch R 907/2027
Headerfoto: Ein modernes Hüttenwerk (D 1922): Zulassungskarte vom 12.10.1926 (Seite 1, Ausschnitt) / Quelle: BArch
